Unser letzter gemeinsamer Weg
"Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott wird mit ihnen sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu".
PREDIGT für MIRIAM
14. November 1994
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistiges.
Amen
In uns ist eine große Traurigkeit.
Ich versuche, unsere Klage in Worten auszusprechen
mit einem Psalm aus dem Alten Testament.
HERR,
höre mein Gebet
und laß mein Schreien zu Dir kommen.
Verbirg Dein Antlitz nicht vor mir in der Not,
neige Deine Ohren zu mir.
Wenn ich Dich anrufe,
so erhöre mich bald.
Denn meine Tage sind vergangen wie ein Rauch,
und meine Gebeine sind verbrannt wie von Feuer.
Mein Herz ist geschlagen und verdorrt wie Gras,
daß ich sogar vergesse, mein Brot zu essen.
Ich wache und klage
wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.
Du aber, Herr, bleibst ewiglich
und Dein Name für und für.
Du wollest Dich aufmachen und über uns erbarmen.
Laßt uns beten.
Herr, unser Gott,
Du bist Herr über Leben und Tod.
Wir sind traurig über den Tod von Miriam.
Komm und tröste uns.
Wir fühlen unsere Ohnmacht
- Du allein bist unsere Hilfe.
Wir fühlen unsere Angst
- Du allein kannst sie wegnehmen.
Herr, laß uns nicht allein.
Gib uns Dein Wort.
Auch wenn wir nichts verstehen und begreifen
- wir fassen mit aller Kraft unseres Herzens Dein Wort.
Herr, erbarme Dich unser.
Amen.
Aus dem letzten Buch der Bibel lese ich Worte des Sehers Johannes über das Ende der Zeit:
Offenbarung 21,1-5a
Liebe Trauergemeinde!
Wie können wir das verstehen,
was da geschehen ist?
Wo ist der liebe Gott, wenn es ihn gibt?
Können wir an ihn glauben,
hier auf dem Friedhof?
Kann es beides geben - Gott und den Tod,
so wie es ja auch beides gibt: Licht und Dunkelheit?
Warum? Warum? Warum?
So haben Sie es über die Anzeige in der Zeitung geschrieben.
Und keiner ist jetzt hier,
der darauf etwas sagen könnte,
der Pfarrer genau sowenig wie irgendein anderer.
Zur Bitterkeit über den Tod von Miriam
kommt noch die Unsicherheit dazu:
Noch nicht einmal die Familie selbst weiß bis zur Stunde,
woran das Mädchen gestorben ist und was die Todesursache war.
Eine zusätzliche Belastung zu allem Unglück.
"Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende".
Diesen Satz haben Sie selbst über diese Stunde gesetzt.
Ob es irgend etwas Tröstliches geben kann auf dieser Beerdigung?
Ich möchte Ihnen zwei Gedanken sagen, zweierlei, was mir selber Mut macht, hier überhaupt zu stehen.
Zum EINEN:
Es gibt eine menschliche Verbundenheit unter uns im Angesicht des Todes. Es ist IHR Kind, aber es sind viele, die Ihren Schmerz, Ihre Ohnmacht, Ihre Verzweiflung teilen. In manchen Gesprächen in der Gemeinde und auch in der Schule habe ich das gespürt, daß dieser Tod Menschen ans Herz gegangen ist.
Sie stehen nicht allein!
Und das ANDERE, was ich Ihnen sagen möchte:
Laßt uns daran denken, daß unsere Miriam getauft ist - und es auch im Tod bleibt.
Und wenn wir sie auch nicht festhalten können, so kann ER es doch tun, der Auferstandene, zu dem wir als Christen gehören.
Auch mir ist das Herz schwer in dieser Stunde.
Ich denke an fröhliche Tage bei den Kindergottesdienstfreizeiten in Oberotterbach, wo Miriam dabei war, auch an den Religionsunterricht in der Draisschule, wo sie so voller Begeisterung mitgesungen hat:
"Ein Licht geht uns auf
in der Dunkelheit..."
LICHT IN DER DUNKELHEIT.
Laßt uns doch jetzt über den Friedhof gehen im Vertrauen,
daß uns dieses Licht scheint, daß es dieses Licht gibt,
daß wir geborgen sind in seiner Hand, ob wir leben oder sterben.
Auferstandener Christus.
Licht auf unserem Weg
Licht in unseren Herzen.
Selbst wenn wir zweifeln, bist Du da.
Führe uns an Deiner Hand.
Laß nicht zu, daß das Dunkle unser Leben bestimmt.
Du bist Leben für uns.
Wir vertrauen Dir.
Amen