Unser Leben mit Miriam --- und danach!!!
(Wir haben nicht nur unser Kind verloren,
sondern unser ganzes Leben)
(Dies war Miriam ihr letztes Bild,
das sie in der Schule malte)
Meine Tochter wurde am 08.02.1984 geboren. Sie war ein richtiger
MIRIAM wir vermissen Dich alle sehr !!!!!!! Karlsruhe im November 2001
Wonneproppen und sie war auch mein allererstes Kind. Das Gefühl
beim ersten Mal Mama zu sein, ist einfach überwältigend. Und von
diesem Tag ab hast du ein kleines Würmchen, das dich normalerweise
ein ganzes Leben lang begleiten soll und für das du alles tun willst, da-
mit es ihm auch immer gut geht. Die Geburt war leider keine normale
Geburt, da Miriam nicht in der Endlage war, bekam ich einen Kaiser-
schnitt. Diese Schmerzen waren aber sehr schnell vergessen, als ich
mein Baby im Arm hatte. Sie war ein sehr problemloses Baby wie
auch Kind. Die Anfangswochen waren zwar etwas stressiger, aber das
gehört nun mal dazu.
Miriam ihr Vater und ich heirateten im September 1983 (ich war da-
mals im 5. Monat). Diese Ehe mit Miriam ihrem Vater hielt allerdings
nicht lange. Leider ging alles in die Brüche. Miriam war da gerade
2 1/2 Jahre alt, als ich mich von ihrem Vater trennte. Zufällig bekam
ich meine alte Wohnung wieder zurück, so konnte ich wenigstens im
gleichen Haus wohnen wie meine Eltern. Es war keine einfache Zeit
für mich alleinerziehende Mutter zu sein. Anfangs ging ich den ganzen
Tag arbeiten, damit wir einigermaßen leben konnten. Im Nachhinein
bereue ich, daß ich den ganzen Tag gearbeitet habe, da mir sehr viel
von Miriam's Entwicklung fehlt. Meine Eltern versorgten aber meine
Miriam überaus gut. Ich fühlte mich aber trotzdem sehr leer und
traurig, da meine Familie einfach kaputt war. Meine Miriam war aber
immer sehr besorgt um mich. Sie sagte immer zu mir wenn ich traurig
war "Mama sei nicht traurig, ich bin doch bei dir"!!!
Im Juni 1988 begann dann für uns wieder ein neues Leben. Zu diesem
Zeitpunkt kam ich mit meinem jetzigen Mann zusammen. Wir kannten
uns allerdings schon sehr sehr lange. Na ja, das hätte ich vielleicht
auch leichter haben können, aber das Leben hat es anders mit mir ge-
wollt. Meine Miriam fragte mich schon im Juli ob sie zum Thomas Papa
sagen darf. Ich hatte von mir aus nichts dagegen, aber ich sagte zu ihr,
sie müsse den Thomas erst selbst fragen. Thomas hatte auch nichts da-
gegen und von diesem Tag an war Thomas Miriams Papa. Ich sah ja
schon viele Ehen mit Kindern auseinandergehen, aber so gut wie
Miriam sich mit ihrem neuen Papa verstand, das erlebte ich eigentlich
nur bei uns.
Mitte März 1990 sind wir dann mit Thomas zusammen in eine größere
Wohnung gezogen und im April 1991 bekamen wir dann noch einen
Jungen (Mirko). Im Juni 1992 heirateten wir dann, und mein Leben
hatte sich Gott sei Dank wieder geordnet und ich hatte vor allen
Dingen wieder meine Familie, die mir sehr fehlte.
Meine Miriam entwickelte sich als ein sehr hübsches, freundliches und
fröhliches Mädchen. Sie war auch überaus beliebt. Morgens wenn sie
aufstand hat sie schon gesungen. Sie machte sehr gerne Sport und sie
ging auch regelmäßig in Leichtathletic und spielte sehr gut und gerne
Flöte. Für ihren kleinen Bruder war sie sogar wie eine "kleine Mama".
Sie kümmerte sich sehr viel um ihn. Allerdings waren Tiere ihr Ein
und Alles und es gab kaum ein Tier, das sie nicht niedlich fand
(außer Spinnen und Schlangen).
So lebten wir glücklich und zufrieden vor uns hin. Nichts konnte uns
eigentlich erschüttern, dachten wir !!!
Da wir noch ein Zimmer über unserer Wohnung hatten, das zur Woh-
nung gehörte, bauten wir eine Treppe hoch und richteten für Miriam
ein neues Zimmer her. Das Zimmer war eigentlich so weit fertig daß
sie einziehen konnte. Der Teppichboden wurde morgens verlegt und
wir räumten an diesem Tag (3. November 1994) noch ein paar Sachen
ein (Bett, Couch, Schreibtisch, Kleinigkeiten), den Rest wollten wir
am nächsten Tag einräumen. Miriam wollte aber unbedingt in ihrem
neuen Zimmer schlafen und wir erlaubten es ihr auch. Sie ging wie
immer ins Bett und keiner dachte auch nur daran, daß am nächsten
Tag die ganze Welt über uns zusammenstürzen würde.
Bevor ich an diesem Abend ins Bett ging schaute ich wie jeden Abend
nochmals bei meinen Kindern rein. Es war alles in Ordnung und sie
schliefen beide tief und fest.
Am Morgen gegen ca. 6.5o Uhr hörte ich aber noch im Halbschlaf ein
ganz komisches Geräusch. Ich stand auf und dachte mir, daß Miriam
und Mirko vielleicht schon aufgestanden sind und miteinander spielen.
Ich ging in Mirko's Zimmer und sah daß Mirko noch in seinem Bett lag.
Danach ging ich zur Miriam hoch in ihr Zimmer und ich sah schon von
der Treppe aus, daß Miriam auch noch im Bett lag. Ich ging zu ihr hin
und streichelte ihr über den Backen und fragte sie dabei, ob sie schlecht
geträumt habe. Aber sie rührte sich nicht. Dann habe ich ihren Arm
hoch gehoben und merkte dabei, dass gar kein Widerstand mehr da war.
Warum ich aber ihren Arm hoch hob, das weiss ich nicht. Ich ließ ihre
Hand dann wieder los und sie fiel leblos herunten. Sie reagierte einfach
nicht. Ich versuchte daraufhin ihre Augen zu öffnen und dann weiß ich
nur noch, daß ich fürchterlich geschrien habe und Miriam gerüttelt
habe. Danach kam dann auch sofort mein Mann hoch und er rief gleich
den Notarztwagen. Ich versuchte in der Zwischenzeitmeine Miriam so
gut ich konnte zu beatmen. Irgendwann habe ich das alles mal gelernt,
aber da habe ich nicht daran gedacht, daß ich das mal für mein eigenes
Kind brauche. Die Luft die ich ihr gab, blieb aber nicht drin. Es waren
die längsten Minuten meines Lebens, bis die Notärzte endlich kamen. Sie
waren aber wirklich schnell da, aber es kam mir vor wie eine Ewigkeit.
In solch einer Situation sind Sekunden wie Stunden. Ich hatte sogar
nicht mal ihre Sirenen gehört, so stand ich unter Schock.
Die Notärzte versuchten alles Mögliche. Es kam sogar noch der Herznot-
wagen dazu. Ich versuchte ab und zu die Treppe hochzugehen und sagte
immer wieder zu meiner Miriam "bitte komm wieder zu uns zurück, wir
brauchen dich doch". Aber sie konnte mich wahrscheinlich nicht mehr
hören. Die Ärzte sagten nach fast einer Stunde, dass sie leider nichts
mehr machen können. Der Kreislauf und das Herz wären nochmals
angesprungen, aber die Hirnfunktionen haben ausgesetzt. Sie sagten
noch zu uns, dass wenn sie vielleicht doch noch mal zurückgekommen
wäre, wäre sie wahrscheinlich auch nicht mehr unser Kind gewesen, da
der Ausfall von den Hirnfunktionen bestimmt schon zu lange war. Die
Notärzte gaben mir noch eine Beruhigungstablette, aber diese hatte bei
dem großen Schock kaum eine Wirkung.
Was war da nur geschehen???. Mein Kind legte sich mit fast 11 Jahren
in ihr Bett und wachte morgens einfach nicht mehr auf!!!. Ich konnte
die Welt nicht mehr verstehen. Die erste Nacht in ihrem neuen Zimmer
und sie wachte einfach nicht mehr auf. Dabei wollte ich sie doch fragen,
ob sie auch gut geschlafen hat in ihrem neuen Zimmer. Diese Frage
wird für mich wohl immer offen bleiben, was sie wohl selbst in dieser
Nacht fühlte.
Hat sie etwas mitbekommen? Hatte sie eine Vorahnung?
Meine Mutti war zwischenzeitlich auch gekommen, aber wir waren alle
nicht ansprechbar und waren so total hilflos und geschockt. Solch eine
Situation möchte ich in meinem ganzen Leben nicht mehr miterleben
müssen. Ich habe nur noch geschrien, denn der Schmerz war so furcht-
bar groß. Ich kannte mich selbst nicht mehr, denn "ich war nicht mehr
ich" und mein/unser Leben ist einfach stehen geblieben. Es ging mir
nicht in meinen Kopf, daß mein Kind nicht mehr aufwachte. Ich stellte
mir auch immer wieder die Frage "warum? warum? Warum mußte
meine Tochter sterben?" Auf diese Frage werde ich aber niemals eine
Antwort bekommen. Miriam's Vater haben wir dann auch angerufen
und er kam sofort mit Miriam's Opa. Alles lief in mir ab wie ein
fürchterlich schrecklicher Albtraum. Aber es war kein Traum es war
die Wirklichkeit. Die Sanitäter sagten dann zu uns, dass sie ver-
pflichtet wären, die Kriminalpolizei zu benachrichtigen und das taten
sie dann auch.
Die Kriminalpolizei war dann auch innerhalb von ein paar Minuten
bei uns, da sie ja gerade um die Ecke von uns ihren Sitz hatten. Es
war einfach entsetzlich, dieser Schock, diese Leere, diese Fassungs-
losigkeit, der Schmerz.... alles war so furchtbar und dann mußte ich
auch noch Fragen beantworten, obwohl ich lieber zum Fenster rausge-
sprungen wäre. Allerdings möchte ich hierzu noch erwähnen, daß die
Kripo-Beamten wirklich sehr nett, einfühlsam und selbst sehr betroffen
waren. Es lief einfach alles an mir vorbei wie ein Film. Ich nahm auch
nicht wahr, wie viele Menschen da durch unsere Wohnung gingen, denn
es wimmelte nur so von Menschen. Zwischenzeitlich klingelte es an der
Tür und ich sah zum Fenster hinaus. Es war Miriam's Freundin Diana
die zu ihr wollte zum Spielen, da es der letzte Ferientag war von den
Herbstferien. Wir konnten ihr aber nicht die Türe öffnen, wir mußten
sie draußen stehen lassen.
Dann nahm alles seinen weiteren Lauf. Als der kleine weiße Sarg dann
kam, war für mich alles vorbei. Dies war für mich dann der Moment,
wo ich wußte, dass ich meine Tochter jetzt gehen lassen muss. Wohin
auch immer, es war Zeit um Abschied zu nehmen. Ich wollte aber meine
Tochter nicht gehen lassen, denn ich wußte ja, dass es für immer sein
wird. Das waren Minuten die mich ein Leben lang begleiten. Es war ein-
fach alles so furchtbar schrecklich. Die Welt um mich herum gab es
nicht mehr, ich spürte nur noch den riesigen Schmerz in mir. Ich ließ
aber das Auto mit dem meine Mimi fortgefahren wurde nicht aus Augen
und folgte ihm, bis ich es nicht mehr sehen konnte.
Danach rief mein Mann bei unserer Hausärztin an und da wurde uns
gesagt, daß die Frau Doktor nicht mehr da wäre, und ab jetzt Urlaub
hätte, und sie würden dem Vertretungsarzt Bescheid geben. Der Arzt
kam und kam nicht und ich war kurz vor einem Zusammenbruch, da
die Schmerzen unerträglich wurden. Es vergingen Stunden und der Arzt
war immer noch nicht da. Gegen 13.oo Uhr rief mein Mann bei dem
Vertretungsarzt an, und da wurde uns gesagt, dass der Doktor momen-
tan nicht erreichbar ist. (Zu diesem Zeitpunkt gab es auch noch keine
Handy's - Handy's können manchmal doch sehr nützlich sein). Endlich
kam er dann irgendwann und er war sehr geschockt als er mich gesehen
hatte. Er hatte dann gesagt, wenn er gewußt hätte, wie es mir geht,
wäre er doch sofort gekommen. Aber die Sprechstundenhilfe von
meiner Ärztin hatte diese Wichtigkeit, daß mein Kind gestorben ist,
ganz einfach vergessen weiterzugeben.
In der Nacht wenn ich die Augen zu machen wollte, sah ich immer mein
Kind. Ich wollte zu ihr - ich muß doch zu ihr - ich kann sie doch als
Mutter nicht alleine lassen - sie kann doch nicht irgendwo alleine sein
ohne mich(uns) --- und wieder brauchte ich einen Arzt. Dieser kam
dann allerdings schneller und gab mir nochmals eine Spritze.
Es begann eine sehr sehr schlimme Zeit für uns. Das Leben hat einfach
aufgehört. Die Ohnmacht hat Einzug gehalten in unserem Leben. Ich
war noch am Leben, aber ich lebte nicht mehr und mit meiner Tochter
ist auch ein Teil von mir gegangen. Für diese Zeit gibt es keine passende
Worte, denn diese Situation kann ich mit keinen Worten beschreiben.
Wir waren gefangen in einem Tunnel, der anscheinend keinen Ausgang
hat.
Als ich am nächsten Tag in Miriam's Zimmer ging, traute ich meinen
Augen nicht. Miriam hatte einen schönen blauen Aufziehwecker und
dieser war doch tatsächlich kurz vor 7 Uhr stehengeblieben.
Kann das sein? - War das Zufall?
Ich weiß auch noch ganz genau wie ich mich nachts irgendwo in der
Wohnung in eine Ecke verkrochen habe und vor mich hin gewimmert
habe. Dieser Schock machte mich so hilflos und ich bin teilweise
auch selbst vor meinen Reaktionen erschrocken. Aber die Trauer be-
herrschte mich ganz und gar. Unsere Nachbarin sagte daraufhin, daß
es ihr sehr weh tut wenn sie mich nachts so heulen hört.
Ich bekam auch in unserem Umfeld mit, daß viele Kinder abends nicht
mehr ins Bett wollten zum Schlafen, da sie Angst hatten, morgens nicht
mehr aufzuwachen.
Mit der Beerdigung mußten wir dann 10 Tage warten, da Miriam erst
nach gründlichen Untersuchungen freigegeben wurde. Sie wurde auf
alle Gifte, auf alle Viren untersucht und es waren auch Spezialisten
aus der ganzen Welt da für die Uuntersuchungen. Aber egal was sie
auch untersuchten, sie fanden nichts bei meiner Miriam. Sie war
eigentlich ein ganz gesundes Mädchen. Auch vorher war sie nie
krank außer ihre Kinderkrankheiten. Wir wissen bis heute nicht,
an was unsere Miriam gestorben ist, aber ich denke mittlerweile
"ihre vorbe stimmte Zeit war anscheinend abgelaufen". Wie ihre
Omi so treffend sagte, da ihre Batterie von ihrer Armbanduhr leer
war, "Miriam ihre Uhr ist abgelaufen". Das Einzigste was uns vom
Gerichtsmedizinischen Institut gesagt wurde, das ist, dass solch
ein Fall 1 zu ein paar Millionen passieren kann. Allerdings waren
wir da die "Nr. 1".
Die Beerdigung fand am 14. November statt. Diese Tage bis zur Beer-
digung und danach überstand ich nur mit 10er Valium. Die ganze Welt
hätte wieder einstürzen können um mich herum, ich hätte nichts be-
merkt. Es waren ihre ganzen Klassenkameraden da und alle weinten
bitterlich. Es war eine große Beerdigung und sehr viel Betroffenheit
unter den Freunden und Verwandten. Einfach alles war so schrecklich.
Unser Gemeindepfarrer Herr Barth, war auch sehr betroffen von
dem Tod unserer Miriam, dass er anfangs sagte, dass er die Predigt
zur Beerdigung von Miriam leider nicht halten kann. Er kannte
Miriam sehr gut, da sie gerne in den Gottesdienst ging, öfters bei
der Kirchenfreizeit dabei war und auch von der Schule. Allerdings
sagte er dann plötzlich, dass er der Miriam zu liebe, doch die Pre-
digt halten werde. Er kam während der Predigt ins Stocken und
zweifelte selbst an Gott. Er war auch den Tränen nahe und wir sind
ihm im Nachhinein sehr dankbar, dass er unsere Miriam auf ihrem
letzten Weg begleitet hat. Es wäre bestimmt auch ihr Wunsch gewesen.
Nach dem die schlimmsten Tage vorbei waren begriff ich dann auch
erst richtig was jetzt auf mich/uns zukam. Der einfachste Alltag
machte mir fürchterlich zu schaffen. Jede Arbeit wurde zur Qual.
Unser Sohn war damals 3 1/2 Jahre alt und er konnte nicht verstehen
wo seine Mimi denn jetzt ist. Er schaute mal auf dem Friedhof in den
Himmel und sagte zur Miriam: "Miriam ganz egal wo du jetzt bist, rufe
mich doch wenigsten an, und sag mir doch bitte wie es dir geht. Da wo
du bist, wird es doch bestimmt irgendwo ein Telefon geben". Dieser
Satz war herzzerreißend.
Der Alltag begann wieder ohne daß ich es gewollt hätte. Ich wollte
nicht mehr aus dem Haus, der Schmerz über den Verlust war so groß,
daß das Leben keinen Sinn mehr hatte. Ich hatte soviel mit mir selbst
zu tun, daß ich mich irgendwie, da ich es ja mußte, um meinen Sohn
gekümmert habe. Für unser Mirko war diese Situation auch schlimm.
Er hat nicht nur seine Mimi seine Schwester verloren, sondern seine
Eltern auch noch. Wir waren zwar bei ihm, aber wir waren doch nicht
da. Ich hätte meinen Sohn am liebsten morgens an den Garderoben-
haken gehängt und abends wieder abgehängt. Ich konnte mit ihm nichts
anfangen.
Viele viele schreckliche Dinge waren ja dann noch zu erledigen. Aber
mein Mann ließ mich nie alleine, er war egal um was es ging immer bei
mir. Er stand mir bei und ich weiß auch, daß ich mit meinem Mann
einen wirklich lieben Mann gefunden habe und für meine Kinder einen
lieben Vater. Alleine hätte ich diesen fürchterlichen Schock in
meinem Leben nicht überlebt. Es lief alles so wie im Traum nebenher.
Auch wenn wir als Eltern unseren Kindern gegenüber immer so tun wie
wenn uns nichts was ausmacht, oder wir eigentlich über allem stehen,
das funktionierte hier nicht. Unser Mirko hat seine Mutter und seinen
Vater schon fürchterlich weinen sehen. Traurige Tage gibt es aber auch
heute noch.
Wir haben am 11. Juni 1996 nochmals ein Kind bekommen. Unsere
Milena hat eine Chance bekommen zu leben, da meine Miriam
gegangen ist. Sie ist aber kein Ersatz für meine Miriam, denn ich
habe drei Kinder und jedes ist anders. Sie soll Miriam auch auf
keinen Fall ersetzen.
Meine Eltern hatten ein Leben lang nicht getrauert, obwohl sie drei
Kinder verloren hatten. Damals war aber auch noch alles anders.
Heute darf man seine Trauer ausleben und bekommt auch an vielen
Stellen Hilfe geboten und betroffene Eltern reden auch offen mitein-
ander. Dies gab es in den 50er-Jahren noch nicht. Allerdings mußte
ich als Kind darunter furchtbar leiden. Meine Eltern sprachen nie
darüber und für mein Vater ist seine große Tochter nie gestorben
und ich war "Sie" nie. Das bekam ich von meinem Vater zu spüren
bis er starb. Ich war nie die Tochter die er wollte. Bei meiner Mutti
war das aber ganz anders. Sie war immer für mich da und war auch
sehr lieb zu mir. Meine Mutter war sehr dankbar, daß ich ihr geblieben
bin. Das was mein Vater mir angetan hat, will ich auf jeden Fall meinen
Kindern nicht antun. Das wußte ich auch schon vorher, bevor meine
Miriam starb, daß ich so etwas nie machen würde und ich dachte dann
auch immer, daß ich nie in diese Situation kommen werde. Meine Eltern
haben ja schon 3 Kinder verloren, das passiert "mir nicht" --- Und von
Heute auf Morgen war ich dann doch dabei.
Zwischenzeitlich sind wir auch aus unserer Wohnung ausgezogen, da
wir uns alle nicht mehr wohl fühlten und die Wohnung genau an der
Ecke vom Friedhof war. Diese Entscheidung, nochmals wo neu
anzufangen war für uns auf jeden Fall richtig.
Unser Mirko war auch fast 1 1/2 Jahre im Schwarzwald in einem
Therapiezentrum für Kinder, denn er kam mit der vielen Trauer,
die wir in drei Jahren durchleben mußten, einfach nicht alleine klar
und wir konnten ihm dabei aber auch nicht helfen.
Mirko konnte keine Freundschaften mehr schließen, denn er hatte
schon von Anfang an die Angst, diesen Menschen gleich wieder zu
verlieren. Unser Mirko litt sehr darunter, dass er alle geliebte
Menschen innerhalb so kurzer Zeit verloren hatte. Dieser Aufenthalt
in dem Therapiezentrum hat ihm allerdings sehr gut getan.
Dies war aber für alle Beteiligten eine sehr schwere Zeit.
Auch wenn mittlerweile jetzt schon 7 Jahre vergangen sind, glauben
viele Menschen in unserem Umfeld immer noch nicht, daß es bei
unserer Miriam keine Todesursache gibt. Das Verfahren wurde nach
fast einem Jahr von der Staatsanwaltschaft Karlsruhe eingestellt
wegen "unerklärbarer Todesursache".
Aber Zwischenzeitlich wissen wir jetzt auch, daß das Leben nicht
stehen geblieben ist. Es ist für uns weitergegangen. Wir haben beide
gemeinsam einen Weg gefunden und irgendwann wieder zueinander
gefunden und darüber sind wir auch Gott dankbar. Wir haben doch
auch nur dieses eine Leben und unsere Kinder brauchen uns auf jeden
Fall noch ganz ganz lange.
Mama, Papa, Mirko und unsere kleine Milena
Falls sie noch Fragen haben, können Sie mir eine e-mailschicken, dann können wir noch
weitere Erfahrungen austauschen.